Holocaust-Gedenktag am 27. Januar

Am Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust hat sich unser Arbeitskreis auch in diesem Jahr beteiligt. Bedingt durch die Pandemie fand die Veranstaltung auf dem Meier-Heller-Platz neben der ehemaligen Synagoge ohne Publikum statt. Mit Texten von Rainer Müller und Erhard Schnurr wurde an jüdische Schicksale erinnert, aber auch auf die Notwendigkeit eines Gedenkens in der heutigen aktuellen Situation hingewiesen. Musikalisch hat Franz-Ulrich Keppler das Gedenken mit Klarinettenmusik unterstützt. An der Veranstaltung waren Michael Penk, Rainer Müller, Martina Schulz-Hamann und Jana Schilling beteiligt.

Text von Rainer Müller

Heute, am 27. Januar, wird in vielen Teilen der Welt des Holocaust gedacht, der Ermordung von über 6 Millionen europäischer Juden. Dies geschah in der Zeit und der Verantwortung des nationalsozialistischen Deutschland. An diesem 27. Januar des Jahres 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz durch die „Rote Armee“ der Sowjetunion befreit. Allein hier waren nahezu eine Million Juden ermordet worden. Das griechische Wort holókaustos bedeutet: vollständig verbrannt. Der Name Auschwitz steht für die Orte, an denen der Holocaust geschah. Wir gedenken heute auch der damaligen Ermordungen von Christen, Kommunisten, Homosexuellen, Sinti und Roma, der Opfer der sog. Euthanasie und der Männer und Frauen des Widerstandes.

Mit unserer ehemaligen Synagoge, zu der keine jüdische Gemeinde mehr gehört, haben wir in Leutershausen eine Gedenkstätte, der wir uns verpflichtet fühlen. Und wir stehen heute hier neben einem Mahnmal auf dem Meier Heller Platz, das an ermordete ehemalige Hirschberger Einwohner erinnert. Das sind 21 Leutershausener und sechs Großsachsener Bürger. Sie wurden hier geboren oder haben hier Zeiten ihres Lebens verbracht, einige von ihnen seit Generationen; Menschen, die mitten in der Gesellschaft standen. Es waren Nachbarn, die erst der nationalsozialistische Bürgermeister, übrigens kein gebürtiger Leutershausener, als Juden verunglimpfte.

Als ich im Jahr 2000 nach Leutershausen kam, gab es noch Einwohner, die sich an diese jüdischen Bürger lebhaft erinnerten, lebendige Bilder von ihnen zu erzählen wussten. Hingegen sind sechs Millionen ermordete, ums Leben gebrachte Juden eine nicht begreifbare Erschütterung.

Meier Heller, Namensgeber dieses Platzes auf dem wir stehen, war letzter Lehrer und Kantor der hiesigen jüdischen Gemeinde. Und er war führendes Mitglied in Leutershausener Vereinen, zeitweise Vorsitzender des Odenwaldklubs. Deportiert in das Konzentrationslager Theresienstadt, starb er dort am 19. September 1942.

Der Arbeitskreis Ehemalige Synagoge Leutershausen sieht für sich die dringliche Notwendigkeit für ein Gedenken und Mahnen, das in die Zukunft wirkt. Denn unfassbarerweise gibt es ihn wieder, den aktuellen Antisemitismus.Es begann seinerzeit unter den Nationalsozialisten mit zunehmender Diskriminierung der Juden, es folgten Vertreibung – Deportation – Mord. Bei der Diskriminierung von Juden sind wir in Deutschland inzwischen wieder angekommen. Neu hinzugekommen ist eine unerträgliche Vereinnahmung der Rolle von Nazi-Opfertum mittels Missbrauch von Judenstern – und Missbrauch von Namen wie Sophie Scholl und Anne Frank durch Querdenker und Corona-Leugner.

Mit dem allmählich vollständigen Verlust der Zeitzeugen wird Zeitgeschichte zu Geschichte und historische Orte werden die Vermittler von Geschichte.

Solch ein historischer Ort ist beispielsweise in Leutershausen das schöne Fachwerkhaus Hauptstraße 1 an der Drehscheibe, gegenüber dem Gasthaus zum Goldenen Hirsch. Hier, im Dachgeschoss des Hauses, befand sich im 18. und 19. Jahrhundert die „Juden Schul“. Bis zum Bau der Synagoge im Jahre 1868 war dies der Ort der Begegnung, des Unterrichts, und des Gebetes für die jüdische Gemeinde, damals immerhin 10% der Einwohner Leutershausens. Eigentümer und Bewohner dieses Hauses Hauptstraße 1 waren bis 1939 Abraham Schriesheimer, geb. 1.Juli 1873 in Leutershausen, und seine Frau Henriette, geb. Maas, beide am 7. März 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Und natürlich ist vor allem das Gebäude der ehemaligen Synagoge ein Ort des Gedenkens und nun auch Ort kultureller Begegnungen in Sachen Geschichte, Kunst, Musik und Literatur.

In diesem Sinne luden wir im Jahre 2006 zu einer Lesung des Buches „Die Mädchen aus Zimmer 28, Theresienstadt“ mit der Autorin Hannelore Brenner-Wonschick ein. Es behandelt die Situation von sechzig Mädchen, 12-14 Jahre alt, in diesem Konzentrationslager Gefangene, eingeengt in einem Zimmer, bevor sie nach Auschwitz deportiert wurden. Fünfzehn von ihnen haben überlebt, drei waren im Jahre 2006 bei der Lesung in der Synagoge Leutershausen dabei: Anna Flachova, Eva Landova und – Helga Pollak-Kinsky. Sie führte in Theresienstadt und in Auschwitz Tagebuch. Einen großen Teil ihres Lebens widmete sie später der Aufgabe, Zeitzeugin zu sein. Vor wenigen Wochen verstarb Helga Pollak-Kinsky über 90-jährig in Wien.

Helga Pollak-Kinsky 2006

Aus ihren im Jahr 2014 in Buchform veröffentlichten Aufzeichnungen „Mein Theresienstädter Tagebuch“:

„Der Transportbefehl in Theresienstadt kam überraschend. Wir hatten kaum Zeit, uns zu verabschieden. In geschlossene Viehwagen ohne Fenster geschoben, wurden die Türen zugeschlagen und es war dunkel. Dicht aneinander gedrängt fuhren wir zwölf oder 20 – oder 24? – Stunden.

Ankunft in Auschwitz

Auf einmal wurden die Türen aufgerissen, es gab grelles Scheinwerferlicht und Stacheldraht, Lärm, Männerstimmen riefen: Schnell, schnell, raus hier, alles liegen lassen, das Gepäck wird nachgereicht! In Fünferreihen aufstellen, Frauen hierhin, Männer dorthin.

Wir marschierten an einem Mann vorbei. Heute weiß ich, dass es Mengele war. Er schrie nicht.

Manchen wurde befohlen nach rechts zu gehen, anderen nach links.- Das alles geschah mitten in der Nacht. In ein Gebäude wurden wir getrieben, mussten alle Kleider ausziehen. Dann wurden uns die Haare geschoren, von irgendeinem Haufen wurden uns wahllos Klamotten zugeworfen. In einer total finsteren Baracke lagen wir dann auf hölzernen Stockbetten, ohne Matratzen, eng wie die Sardinen. Keine sprach mit der anderen.

Tage später:
Wir mussten nackt Aufstellung nehmen, und mit erhobenen Händen im Laufschritt vor der SS vorbeilaufen. Am Ende fehlten Einige von uns, vor allem ältere und schwangere Frauen.

Wie lange ich in dieser Baracke war erinnere ich nicht mehr, wohl aber dass es Winter war. Dass wir immer wieder raus zum Appell getrieben wurden, zu hunderten vor der Baracke in Fünferreihen Aufstellung nehmen mussten, in den Lumpen, die wir an hatten, frierend, erschöpft und ohne Essen. Es war schrecklich. Ein Mal wurden wir gefragt, ob wir hungrig seien und ob jemand mitkommen würde, einen Kübel Suppe zu holen. Einige haben sich gemeldet, sie kamen nicht mehr zurück.

Ein anderer Tag:
Seit Stunden Appell stehend, erschöpft, sahen und hörten wir auf einmal eine Blaskapelle mit zackiger Marsch Musik, wie auf einem Volksfest. Es war absurd. Ich dachte ich bin in einem Irrenhaus und, dass ich total verrückt geworden bin.
So wie wir waren, wurden wir zu einem wartenden Zug ab kommandiert, eingesperrt in einen finsteren Waggon. Am nächsten Morgen landeten wir in Oederan in Sachsen. Es war ein Außenlager des KZ Flossenbürg. Gebrüll, Kommandos, und schon marschierten wir wieder – in Fünferreihen in Richtung einer Fabriklanlage, in der Geschosshülsen produziert wurden. Dort arbeiteten wir bei spärlicher Brotration. Ein typisches SS Weib war unsere Oberaufseherin. Sie war kalt, brutal, sadistisch.

Monate später:
Anfang April 1945 ertönte das Kommando „Häftlinge und das gesamte Aufsichtspersonal antreten zur Evakuierung vor dem Feind!“
Eskortiert von alten Leuten des Oederaner Land Sturms und der Hitler-Jugend ging es zum Bahnhof. Und wieder – waren wir 70 Menschen in einem Waggon, da gab es keinen Platz zum sitzen. Wir standen die ganze Zeit, Tage lang, wir konnten gar nicht umfallen. Alle hatten schrecklichen Hunger. Letztlich kamen wir wieder in Theresienstadt an. Wir waren damals hunderte von Menschen, total erschöpft, ausgemergelte Gestalten. – Muselmänner, halb Tote und Tote wurden aus den Waggons geborgen. Und im Getto war Fleckfieber.

Ein Schicksal in der Familie Buchheimer/Türckheimer aus Großsachsen

Aus der Dokumentation jüdischer Familien aus Großsachsen und Leutershausen

Von Erhard Schnurr

Die jüdische Familie Buchheimer ist seit dem Jahr 1809 in Großsachsen nachweisbar. Henriette Buchheimer wurde am 4. März 1879 in Großsachsen in diese Familie geboren, ihre Eltern waren Abraham Buchheimer und Mina Strauss (aus Gissigheim, Main-Tauber-Kreis).

Am 23. November 1904 heiratete Henriette in Großsachsen Manfred Max Kaufmann, der am 15. Januar 1878 in Ketsch/bei Schwetzingen geboren wurde. Das Ehepaar lebte anschließend in Ketsch. Manfred Kaufmann betrieb in Ketsch ein kleines Kaufhaus (in Ketsch damals offenbar „Juden-Kaufhaus“ genannt). Er war ein angesehener Bürger des Ortes, er war Mitbegründer der Freiwilligen Feuerwehr und lange Zeit in deren Vorstand. Aus dem Ersten Weltkrieg war er als Offizier, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz und weiteren Auszeichnungen, zurückgekommen.

Beim Novemberpogrom 1938 wurden das Geschäft und die Wohnung des Ehepaars geplündert und verwüstet. Sie mussten ihr Haus an die Gemeinde verkaufen, die NSDAP richtete dann in dem Haus ihre Parteizentrale ein. Das Ehepaar zog daraufhin nach Mannheim. Von dort wurden sie am 22. Oktober 1940 wie alle anderen Juden aus Baden nach Gurs deportiert.

Das Ehepaar hatte eine Tochter Beate, die am 19. Oktober 1905 in Ketsch geboren wurde. Später heiratete sie Gregor Türkheimer, der am 21. April 1897 in Ludwigshafen geboren worden ist. Das Ehepaar lebte nach der Heirat in Mannheim, hier sind zwei Kinder Lilli (*1929) und Günter (*1935) geboren, 1935 wanderte die Familie nach Frankreich aus. Gregor Türkheimer erwarb in Surenes, nahe bei Paris, ein Geschäft für Sanitärartikel. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde er als „feindlicher Ausländer“ für einige Zeit interniert, nach seiner Freilassung zog die Familie nach Mainsat/Dept. Creuse im zunächst unbesetzten Teil Frankreichs. Der Ehemann arbeitete in der Landwirtschaft und die Ehefrau versuchte mit Strickarbeiten zum Lebensunterhalt beizutragen.

Die beiden Kinder des Ehepaars waren in einem Schulheim für jüdische Kinder im Château de Chaumont in Mainsat untergebracht.

Als Beate Kaufmann/Türkheimer erfuhr, dass ihre Eltern nach Gurs deportiert worden waren, versuchte sie, mit mehreren Eingaben an den zuständigen Präfekten deren Freilassung zu erreichen, was ihr schließlich auch gelungen ist. Das Ehepaar Kaufmann lebte dann nach der Freilassung am gleichen Ort wie seine Tochter und deren Familie.

Die Familie Türckheimer hatte offenbar erfolgreich versucht, bei der US-Botschaft in Vichy ein Einreisevisum in die USA zu erhalten, über ein Ausreisegesuch aus Frankreich war von den französischen Behörden noch nicht entschieden.

Am 26. August 1942 erschienen französische Polizisten bei der Familie Türkheimer und forderte sie auf mitzukommen [1]. Die Türkheimers glaubten, dass diese Aktion mit ihrem bisher noch nicht genehmigten Ausreiseantrag in die USA im Zusammenhang stand und teilte den Polizisten mit, dass sie noch zwei Kinder haben, die in dem benachbarten Schulheim untergebracht waren.

Daraufhin wurden die Kinder ebenfalls abgeholt.

Alle wurden zunächst nach Nexon, einem Internierungslager in der Nähe von Limoges gebracht. Als die Eheleute realisierten, dass die Aktion nicht im Zusammenhang mit ihrem Ausreiseantrag stand, teilten sie der Lagerleitung in Nexon mit, dass sie im Besitz eines Einreisevisums für die USA seien. Bedauerlicherweise hatten sie das Visum bei ihren Eltern hinterlegt und versäumt es mitzunehmen. Man schickte daraufhin einen Boten nach Mainsat (ca 130 km), um die Visa zu holen; als der Bote mit dem Visum nach Nexon zurück kam war die Familie Türkheimer mit ihren Kindern bereits an die SS übergeben worden und befand sich in einen Transport nach Drancy. In Drancy, einem Vorort im Osten von Paris, befand sich das Sammellager für die Transporte der in Frankreich verhafteten Juden in die Vernichtungslager im Osten. Das Ehepaar wurde wenige Tage später zusammen mit seinen Kindern am 31. August 1942 mit dem Transport Nr. 29 nach Auschwitz transportiert und dort vermutlich nach der Ankunft ermordet [2].

Das Ehepaar Kaufmann überlebte den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Besatzung in der französischen Provinz, nach dem Krieg wurden beide in einem Heim für jüdische Verfolgte in Lacaune/Dept. Tarn untergebracht. Dort ist Manfred Kaufmann 1947 verstorben und auch begraben worden [3].

Am 10. Oktober 1948 ist Henriette Kaufmann als „Staatenlose“ von Nizza kommend in New York in die USA eingereist. Wie und wo Henriette Kaufmann die Zeit nach dem Krieg in Südfrankreich verbrachte ist nicht bekannt.

Sie lebte anschließend in New York und hat von dort ihr Wiedergutmachungsverfahren betrieben, sie starb am 8. Juni 1954 in New York.


[1] Diese Razzia erfolgte im Zusammenhang mit der groß angelegten Rafle du Vélodrome d‘Hiver im Juli 1942.

[2] Zu Details siehe: Moreigne,Christophe;UnefamilleallemandejuiveréfugiéeàMainsatetlarafleduaoût1942. Mémoire de la Societé des sciences naturelles, archéologiques et histoiriques de la Creuse. 54 (2008/2009), 349-354.

[3] Manfred Kaufmannn ist dort unter seinem zweiten Vornamen Max registriert.

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